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Herbst
1989 in Erfurt
Presse
zu Stasi-in-Erfurt
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Warum
kam es zur Gründung dieser
Interessengemeinschaft Umweltschutz/Umweltgestaltung?
Der
Kulturbund
lud zum 24.1.1984 öffentlich zu einer Gründungsveranstaltung einer
Gruppe "Sozialistische Landeskultur" ein, die sich zukünftig auch
um Umweltschutzbelange (Originalton: "Sozialistische
Umweltgestaltung") kümmern solle. Über 100 interessierte
ErfurterInnen nahmen an dieser Veranstaltung in den überfüllten Räumen
des Kulturbundes in der Walkmühlstrasse 13 teil.
Nach den drei Vorträgen
und der Bekanntgabe des Leitungskollektivs (Axel Widmer, Vorsitzender),
Herr Oxford (Vorsitzender des Kreisvorstandes der GNU), Reinhard Krause
(Bezirksnaturschutzbeauftragter und IM 'Alperstedt'), Herr Grosse
(Kreiswegemeister), Herr Blumöhr, u.a. sollte die Veranstaltung
eigentlich beendet werden.
Es wurde noch
eine Liste herumgereicht, in die sich Interessierte eintragen sollten.
Diese Liste verschwand spurlos. Gezielte Nachfragen Interessierter, wie es
nun weiter gehen solle und ob es ein Arbeitsprogramm gäbe, brachten die
Veranstalter in Bedrängnis und die Stimmung heizte sich auf.
Einige
engagierte Erfurter Bürgerinnen und Bürger des Zuhörerkreises nutzten
die Gunst der Stunde und unterbreiteten den Vorschlag, selbst einen
Arbeitsplan und eine Geschäftsordnung für die Umweltgruppe zu
erarbeiten, da seitens des Kulturbundes nichts vorgelegt werden konnte.
Diese Gruppe arbeitete in kürzester Zeit einen „Rahmenarbeitsplan"
aus, der die Geschäftsordnung der Umweltgruppe für viele Jahre
darstellte, gaben sich einen anderen Namen und führten demokratische
Wahlen des Leitungsgremiums durch, nach dem das eingesetzte
Leitungskollektiv geschlossen zurücktrat und sich nicht weiter in der
Umweltgruppe engagierte.
Eigentlich war
die Gründung der Umweltgruppe von Kulturbund und der Gesellschaft für
Natur und Umwelt (GNU) gewollt, um die "Massenbasis" der
Kulturbundarbeit zu verbreitern und interessierten Bürgern ein
Mitspracherecht zu ermöglichen. Vielleicht auch, um sie von sich
formierenden kirchlichen Gruppen fernzuhalten und sie dadurch besser
steuern zu können. Die Zusammenarbeit zwischen Kulturbund und
Umweltgruppe war von Anfang an katastrophal.
Die
Leitungsgremien des Kulturbundes waren völlig überfordert: Der
eingesetzte Vorsitzende der Umweltgruppe (Axel Widmer) gab nach 3 Wochen
auf, der Vorsitzende des Kreisvorstandes der GNU (Herr Oxford) gab nach 12
Wochen auf, der 1. Sekretär der Kreisleitung des Kulturbundes gibt auf.
Panische Reaktionen des Stellvertretenden 1. Sekretärs (Herr Herzog):
Raumverbot für die Veranstaltungen der Umweltgruppe, eigenmächtige
Absage von Referenten, Einschüchterung.
Warum
kam es zur Überwachung?
-
Verdacht auf
"Politische Untergrundtätigkeit (PUT)" und Bildung oppositioneller
Gruppen, Diskreditierung staatlicher Umweltschutzpolitik und "Politisch-Ideologische
Diversion (PID)"
-
Kirchliche
Ökologie- und Friedensgruppen in Erfurt, Jena und in Eisenach werden durch das
MfS beobachtet
-
Illegale Plakatüberschriften
in Erfurt "Wählt die Grünen" (1983) heizen den
Überwachungsapparat der Stasi an.
-
Mitglieder der
kirchlichen Gruppe "Offene Arbeit" in Erfurt treten aktiv bereits
in der Gründungsveranstaltung der Umweltgruppe auf und arbeiten an dem
"Rahmenarbeitsplan" entscheidend mit.
Begründung der
Überwachung der Umweltgruppe in den Akten der Stasi:
siehe Anlagen 1 und 2
Auf
welcher rechtlichen Grundlage erfolgte die Überwachung?
-
Eigentlich
keiner
-
Dienstanweisung
1/84 des Leiters der Erfurter Staatssicherheit, BV Erfurt, Josef Schwarz: Wie erkennt man
"Andersdenkende", "feindlich-negative Personen", PUT, PID?
Unspezifische, menschenverachtende Beschreibungen legen es schließlich
ins Ermessen eines einzelnen MfS-Mitarbeiters unter welchen Aspekten
Personen "bearbeitet" werden.
-
In den Memoiren
von J. Schwarz wird die menschenverachtende Überwachung als unnötiger
Übereifer junger Mitarbeiter bagatellisiert. "Operative Vorgänge"
(OV) und "Operative Personenkontrollen" (OPK) lagen aber in den
Händen erfahrener MfS-Offiziere.
Einflussnahme
des MfS: Ziele
-
"Wer ist
wer?" Aufklärung der Personen, die sich in der Umweltgruppe
engagierten. Wie schwierig sich diese Personenaufklärung gestaltete,
zeigt auch die Liste von Paßfotos, Anlage 9, bei der einigen Personen
falsche Namen zugeordnet wurden.
-
Aufklärung der
Ziele der Umweltgruppe; vorbeugende Verhinderungen von provokanten
Äußerungen und Aktionen
-
Verbindung zu
kirchlichen und anderen Umweltgruppen aufklären
-
"Schlüssel-Inoffizielle
Mitarbeiter" der Stasi (IM in Leitungsfunktionen von Wirtschaft,
Partei oder Gesellschaft) in die Umweltgruppe einschleusen
-
"Disziplinierung",
Massregelung von engagierten Umweltschützern durch Einschüchterung,
Drohung bei Gesprächen, die Vertreter des Kulturbundes, des Staates, der
SED oder aber auch dienstliche Vorgesetzte zu führen hatten.
-
"Diskriminierung",
"Diskreditierung" und "Zersetzung" der Persönlichkeit der engagierten
Umweltschützer; durch die vom MfS organisierte Misserfolgserlebnisse im
Beruf oder in der privaten Sphäre sollte das Selbstbewusstsein der
engagierten Umweltschützer zerstört werden oder die Energie auf die
Lösung von Problemen des eigenen Lebens gelenkt werden; das MfS
organisierte kollektive Misstrauensvoten durch die jeweiligen
Arbeitskollektive, um das Gefühl der Isolation und der fehlenden
Bestätigung zu generieren.
-
Schwächung der
Geschlossenheit der Umweltgruppe durch die Verbreitung von Gerüchten der
Unterwanderung der Gruppe durch das MfS und Verleumdung der
Leitungsmitglieder.
-
Nachweis
strafrechtlicher Sachverhalte
-
Verhinderung
von Erfolgen und Verhinderung der „Massenwirksamkeit"
-
"Zerschlagung"
der Umweltgruppe
Siehe die
beispielhaften Maßnahmepläne in den Anlagen 3, 4 und 9
Einflussnahme
des MfS: Wie?
-
"Konzeption
zur politisch-operativen Bearbeitung von Erscheinungsformen eines
Missbrauchs umweltpolitischer Maßnahmen des Kulturbundes der Stadt Erfurt
zur Formierung von politisch oppositionellen Personenkreisen", BV
Erfurt
11.4.1984:
- Ausgrenzung Andersdenkender
- Stärkung der
Kulturbund-Funktionäre
- Durchsetzung des Primat von SED und Staat
-
Einleitung von
operativen Personenkontrollen (OPK) und operative Vorgängen (OV) gegen
Personen des Leitungsteams der Umweltgruppe: OV „Gewässer" OV „Maske"
OPK „Kleeblatt" OPK „Analyse" OPK „Kruzifix" OPK „Taube"
-
Anwerbung von
Schlüssel-IM (Das sind IM, die auf Grund ihrer beruflichen Funktionen mit
Belangen des Umweltschutzes zu tun hatten und die demzufolge potenzielle
Ansprechpartner der Umweltgruppe waren.)
-
Über 20 IM
für Umweltgruppe
-
Koordinierungsgespräche
einer gegründeten Sondergruppe des MfS bestehend aus Vertretern der
Referate XX/A, XX/1, XX/5, XX/7 und der KD Erfurt (monatlich)
-
Gewinnung „zuverlässiger"
Mitarbeiter in der Umweltgruppe
-
Psychischer
Druck auf IG Mitglieder und Anwerbungsversuche von Umweltaktivisten zu
Spitzeldiensten für die Stasi
-
Berufliche
Umsetzungen (Arbeitsstellenwechsel) - veranlaßt durch das MfS
-
Einberufung zum
Reservistendienst in die Nationale Volksarmee
-
Ständig
angesetzte Neuwahlen der IG-Leitung, um die demokratisch gewählte Leitung
der Umweltgruppe zu verunsichern.
-
Diskreditierung
von Mitgliedern der Umweltgruppe als IM (inoffizielle Mitarbeiter bzw. Stasispitzel)
durch IM Schubert, den das MfS beauftragte die kirchliche Umweltgruppe
"Offene Arbeit" zu spalten und Zwietracht mit der
Kulturbundgruppe zu säen.
-
Diskreditierung
auch
im privaten Bereich (wie z. B. berufliche Herabwürdigung der Leistung der
führenden IG Mitglieder, Verbreitung von Gerüchten über Untreue des
Partners, etc.)
Siehe
Zwischenbericht des MfS zu OV "Gewässer" Anlage 5
-
Etablierung
von IM in den Einrichtungen, die mit den Umweltschützern potenziell
zusammenarbeiten könnten. Erstaunlicher Weise ist kein einziger IM in
den Strukturen der SED etabliert wurden. Das ist ein deutlicher
Hinweis darauf, dass die SED die Führung der Überwachung inne hatte.
Deswegen und wegen interner Regularien gab es innerhalb der
SED-Struktur keine IM. Das war auch nicht nötig.
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