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Herbst 1989 in Erfurt
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Die Rolle der IM: Stimmungsberichte versus Denunziation
- Nur etwa 100-200 Seiten allgemeine Konzeptionen zur "Bearbeitung" der IG und allgemeine Berichte an die SED (Parteiinformationen), aber Tausende von Seiten zu Einzelpersonen der IG
- "Wer ist wer?" Nachweis strafbarer Handlungen, Mitarbeit bei der "Zersetzung" der Persönlichkeit der "feindlich-negativen" Personen
- Jeweils konkrete Aufträge von Treffbericht zu Treffbericht
- Die IM dienten stets der Klärung der Hauptfrage des MfS: "Wer ist wer?"! Auf allgemeine Stimmungsberichte war die Staatssicherheit nicht angewiesen. Die Behauptung vieler IM heute, keinem geschadet zu haben, über niemanden speziell Nachteiliges berichtet zu haben, nur allgemeine Stimmungsberichte geliefert zu haben, läßt sich nach Aktenlage nicht bestätigen.
Warum wurden die IM zum IM?
Zu jedem IM führte das MfS eine Dokumentation (IM-Akte), die ausführlich über die Anwerbung, die Berichte des IM sowie die Treffberichte zwischen IM und MfS-Führungsoffizier Auskunft gibt. Nach eigener Sichtung zahlreicher IM-Akten von IM, die über die Umweltgruppe berichtet haben, ergeben sich folgende Gründe, warum ein IM mit dem MfS zusammengearbeitet hat:
- Alle angesprochenen Schlüssel IM (Personen, die wegen ihrer beruflichen Stellung mit Umweltschutzbelangen zu tun hatten und als potenzielle Kontaktpersonen zu IG Mitgliedern galten) waren ohne Zögern zur Mitarbeit mit dem MfS bereit. Manche wurden gezielt durch das MfS in diese Funktionen gebracht. Vielleicht sind die Verweigerungen aber auch schlechter dokumentiert bzw. wurden von den Stasi-Offizieren unterschlagen, weil derartige Verweigerungen als Misserfolge der Arbeit betrachtet wurden. Da nur Akten von bereitwilligen IM in diesem Zusammenhang gesichtet wurden, könnte sich evtl. ein verzerrtes Bild über die generelle Bereitschaft der DDR Bevölkerung zur Mitarbeit mit dem MfS ergeben. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, das im Vorfeld eine umfassende Prüfung im Hinblick auf die potenzielle Bereitschaft zur Mitarbeit noch vor dem ersten Gespräch mit den Betroffenen erfolgt ist.
- Andere wurden durch Überzeugung gewonnen (Engagement für Frieden, für Umwelt")
- Andere wurden geschickt verführt
- Andere erpresst (teils mit Nichtigkeiten)
- Annahme, dass IM-Tätigkeit in bestimmter Funktion üblich sei
- Überzeugung
- Angst
- Vorteilsnahme (materiell, Karriere)
- Persönliche Aufwertung
- Gefühl der Machtteilhabe
- Erzeugung der Illusion Dinge auf diese Weise verändern zu können
Verdacht auf folgende Straftatbestände nach dem Strafgesetzbuch der DDR durch Mitglieder der Umweltgruppe
- § 214 Beeinträchtigung staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeiten
- § 218 Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzeswidriger Ziele
- § 219 Ungesetzliche Verbindungsaufnahme (mit Bürgern westlicher Staaten)
- § 220 Öffentliche Herabwürdigung (der DDR, des Staatsapparates sowie der Parteien und Massenorganisationen)
- § 245 Versammlungsverbot (OWVO vom 22.03.1984)
Was wussten wir damals von der Bespitzelung durch das MfS?
- Herr Hilmar Penndorf (IM "Erich Reeder", auch "Erich Reder" geschrieben) und Herr Donald Kind (IM "Jörg Böttcher") wurden bereits damals als potenzielle Stasi-Spitzel verdächtigt. Herr Penndorf gab an, als Lehrer für Marxismus-Leninismus eine Promotion über das Freizeitverhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der DDR zu schreiben. Deswegen interessiere er sich dafür, was wir im Umweltschutz so treiben. Im übrigen war Herr Penndorf hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS, allerdings durch diverse Scheinarbeitsverhältnisse wie Lehrer für Marxismus/Leninismus an der Medizinischen Akademie Erfurt oder Angestellter des Instituts für Wissenschaftsorganisation Berlin mit der Außenstelle in Erfurt (Zimmer mit Schild im Bezirkshygieneinstitut Erfurt. Herr Penndorf wird in der MfS-Nomenklatur als FIM (IM führender IM), später als HFIM (Hauptamtlicher IM, der selbst ein IM-Netz führt) bezeichnet.
- Herr Donald Kind wollte die Einladungen zu unseren Veranstaltungen versenden und wollte deshalb unsere Adresslisten haben. Nach dem klar war, das Funktionäre des Kulturbundes sich ebenso emsig um die Vollständigkeit unserer Adresslisten über die Kulturbundmitgliederkartei kümmerten, haben wir dann Herrn Kind unsere Adresslisten übergeben, die der Stasi zu diesem Zeitpunkt nicht mehr neu waren. Herr Kind hat dann diese Listen an seinen Führungsoffizier übergeben und die Einladungen zu unseren Veranstaltungen stets pünktlich verschickt.
- Ein Versuch, vermutete Stasispitzel zu überführen wurde nie unternommen, statt dessen wurde versucht, die beiden in die Arbeit der Umweltgruppe einzubeziehen (siehe Anlage 7).
- Maßgebliche IM, wie z.B. Ingrid Moos als Stellvertreterin des Erfurters OB für Umweltschutz, waren unbekannt.
- Hauptamtliche Mitarbeiter des MfS sind auf unseren Veranstaltungen nie gesehen und nie identifiziert worden.
- Telefon- und Postüberwachung wurde vermutet.
- Auch nach dem mehrere Leitungsteams der Umweltgruppe zum Reservistendienst in die Armee eingezogen wurden, ahnten wir nicht, dass auch hier die Stasi die Fäden zog.
- Das MfS, repräsentiert durch Hauptamtliche Mitarbeiter, blieb uns von Ausnahmen abgesehen verborgen. Die kontroversen Diskussionen und Streitigkeiten führten wir damals mit Funktionären des Kulturbundes, des Staatsapparates und den zuständigen Stadträten Erfurts, von denen einige bis in die 1990er Jahre im Amt blieben. Erst durch die MfS-Akten erfuhren wir, dass diese wichtigen Kontaktpersonen der Umweltgruppe überwiegend vom MfS gesteuert waren.
- Mut durch Verdrängung der Überwachung durch die Stasi
Hat das MfS alle als IM gewinnen können, die verpflichtet werden sollten?
Nein!
- Im Laufe von 6 Jahren konnte keine einzige Person des Leitungsteams der Umweltgruppe als IM verpflichtet werden.
- Mitglieder der Umweltgruppe, die besonders durch das MfS unter psychischen Druck gesetzt wurden, haben sich aus der Gruppe zurückgezogen, um für das MfS uninteressant zu sein.
Lagen die Probleme der Umsetzung der Ziele der Umweltgruppe ausschließlich bei den IM und dem MfS?
Nein, denn....
- Die Tätigkeit der einzelnen IM ist differenziert zu beurteilen. Einzelne IM haben sich so gut sie nur konnten um die Spitzelberichte gedrückt. Teils sind diese aus der IG ausgetreten mit der vorgeschobenen Begründung des Zeitmangels. Tatsächlich haben manche den Kontakt mit IG Mitgliedern gemieden, um über diese nicht berichten zu müssen. Andere wie die Erfurter Stadträtin Ingrid Moos (IM Inge Lange) haben initiativreich Szenarien zur Bekämpfung der IG und ihrer führenden Mitglieder entwickelt und diese dem MfS bzw. dessen Führungsoffizier übergeben.
- Einige Vertreter von Kaderabteilungen, staatlichen Einrichtungen, des Rates der Stadt Erfurt, SED und Kulturbund haben die Arbeit der Umweltgruppe schwerwiegender behindert als mancher IM, ohne selbst IM gewesen zu sein. Im Folgenden soll auf die Rolle einzelner Personen, die teils wissentlich teils unwissentlich im vorauseilenden Gehorsam Teil des repressiven Überwachungsapparates in der DDR waren.
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